Pierre Bourdieu an Peter Szondi, undatiert [vor dem 14. November 1967], DLA Marbach, Foto: Chris Korner

Um der französischen Kritik willen. Pierre Bourdieu an Peter Szondi

Mit dem hier gezeigten, im November 1967 verfassten Brief an Peter Szondi plädierte Pierre Bourdieu in seiner Rolle als Herausgeber der Reihe »Le Sens commun« bei den Pariser Éditions de Minuit für eine Überarbeitung von Szondis methodologischem Essay »Über philologische Erkenntnis« (1962), der in Deutschland gerade als Einführung zu den Hölderlin-Studien wiederveröffentlicht worden war und nun auch in französischer Übersetzung erscheinen sollte. Pierre Bourdieu sprach in seinem eigenen Namen und im Namen Jean Bollacks, der mit ihm und Szondi eng befreundet war. Dem Brief beigefügt waren neun Seiten Notizen, die Szondis methodologisches Unterfangen im Hinblick auf die Übersetzung Seite für Seite kommentieren. Sie waren im Laufe einer gemeinsamen Diskussion entstanden und stammen mit Ausnahme von zwei Ergänzungen durch Pierre Bourdieu aus der Feder Bollacks. Wie mehrmals betont wird, geben sie im Wesentlichen die Fragen und Bemerkungen Bourdieus wieder.

 

Bis zu seiner endgültigen Fassung von 1975 veränderte sich der Plan von Szondis ›bouquin‹, einer Auswahl seiner literaturwissenschaftlichen Aufsätze, mehrmals. Jedenfalls war zum Zeitpunkt des Briefes die Einbeziehung der ›methodologischen Einführung‹ noch vorgesehen. Pierre Bourdieu hatte Szondi in einem Brief vom März 1967 nachdrücklich gebeten, diesen Aufsatz als ersten übersetzen zu lassen. Er wollte nämlich den Verlagsleiter Jérôme Lindon besonders mit diesem Essay dazu bringen, die Arbeiten Szondis in den Éditions de Minuit zu veröffentlichen. Zunächst sollte der Essay, noch vor der Buchveröffentlichung, öffentlichkeitswirksam in der von Georges Bataille gegründeten Verlagszeitschrift Critique publiziert werden. Augenscheinlich war Bourdieu von der Bedeutung und Wirkung des Essays überzeugt. Die Vermittlung Jean Bollacks, der auf den Aufsatz zur Zeit seiner Entstehung zustimmend reagiert hatte, spielte dabei sicherlich eine wichtige Rolle.

 

Peter Szondi verfasste seinen wissenschaftstheoretischen Text anlässlich der im Februar 1962 stattfindenden Berliner Universitätstage und ließ ihn unmittelbar danach in der Neuen Rundschau drucken. In dem im deutschsprachigen Raum Aufsehen erregenden Aufsatz ging es ihm darum, die Wissenschaftlichkeit der Literaturwissenschaft im Kontext einer in seinen Augen methodisch ungenügend reflektierten Germanistik neu zu begründen. Anlass dafür war der Streit um die Deutung der 1954 neu entdeckten Hölderlin’schen Hymne »Friedensfeier«. Seine Kritik richtete sich insbesondere gegen die philosophische Hermeneutik und allgemein gegen das positivistische Vorgehen der verschiedenen Schulen. Szondi zufolge erhebt sich die literarische Hermeneutik nur insofern zu einer Wissenschaft, als sie ihrem besonderen Gegenstand angemessen ist. In die Mitte seiner Überlegungen rückte er den von Schleiermacher entlehnten Begriff der Erkenntnis als dynamischer und ›perpetuierter‹ Prozess, der der ›Versenkung‹ in den Text bedürfe und stützte sich auf Diltheys Opposition der Natur- und der Geisteswissenschaften. In Bezug auf die Herangehensweise der Geisteswissenschaften fügte er ein weiteres Unterscheidungsmerkmal hinzu: die subjektive Erkenntnis, der, da sie die Rolle einer urteilenden Instanz spiele, nicht zu entkommen sei und auf der wegen der durch sie gewonnenen ›Evidenz‹ die Wissenschaft selbst beruhe. Außerdem begriff Szondi die philologischen Gegenstände als historisch geprägte Individualitäten, die er jedoch von der ›Intention des Autors‹ trennte. Stattdessen berief er sich auf die Beschaffenheit des Textes.

 

Am 6. August 1967 schrieb Pierre Bourdieu Peter Szondi einen Brief, in dem von der Veröffentlichung ihrer beiden Texte im jeweils anderen Kulturraum die Rede war. Darin wies er darauf hin, dass die Kritik an der ›Literaturwissenschaft‹, wie sie im Aufsatz Szondis zu lesen sei, nicht nur – wie ursprünglich geplant – in einer Fußnote abgehandelt werden sollte, sondern einer gesonderten Einführung bedürfe, welche die französische Literaturkritik einbeziehen sollte. Gemeint waren einerseits die Professoren der ehrwürdigen Sorbonne und andererseits, wie später aus dem Brief an Jean Bollack vom 21. August 1967 hervorgeht, der kleine Kreis um die Zeitschrift Tel Quel. Die literaturtheoretische Zeitschrift, an der u.a. Philippe Sollers mitwirkte, wurde von den Éditions du Seuil herausgegeben, und stellte sich als offensive Avantgarde des literarischen Strukturalismus und seiner baldigen Überwindung vor. In den Jahren 1965-1966 hatten sich die Redakteure von der Minuit-Schule des Nouveau Roman abgewendet; seit dem Frühling 1967 trug die Zeitschrift, zu der nun auch Julia Kristeva gehörte, den Untertitel »Science / Littérature« zur Schau und suchte dabei, wie damals alle Befürworter des Strukturalismus, eine Legitimierung der theoretischen Neuerungen in der öffentlichen Debatte zu erringen, außerhalb der um das Fortbestehen der Tradition bemühten Universität. Im Kontext einer über die Zeitschriften vermittelten intensiven theoretischen Auseinandersetzung rechnete Bourdieu damit, dass Szondis Aufsatz ein wichtiges Ereignis darstellen würde. Critique, die Verlagszeitschrift der Éditions de Minuit, sollte beim Wettlauf mithalten können.

 

Die Aufforderung an Peter Szondi begründete Pierre Bourdieu ausführlicher durch den vorliegenden Brief. Darin gebrauchte Bourdieu – etwa bei der in Anführungszeichen gesetzten Bezeichnung champ culturel et intellectuel – bereits die eigene Terminologie, die der zu dieser Zeit noch im Entstehen begriffenen Feldtheorie entsprach. Zum einen habe die Epistemologie in Frankreich eine ganz andere, längere Tradition. Zum anderen sei das intellektuelle Feld anders strukturiert, denn dieses habe u.a. mit einer ›Welle des Strukturalismus‹ (vogue du structuralisme) zu rechnen, auf den sich Bourdieu selbst berief. Als Erster hat er nämlich die strukturalistische Methode in die Soziologie eingeführt.

 

Damit Szondi sich vom ›Stand der epistemologischen Diskussion in der Wissenschaft vom Menschen‹ eine Vorstellung machen könne, verwies ihn Bourdieu auf das eigene Buch Le Métier de sociologue (1968), das kurz vor der Veröffentlichung stand. Das polemische Buch versteht sich in erster Linie als epistemologische Kritik an dem aus Nordamerika kommenden positivistischen Empirismus der 1960er Jahre.

 

Die gemeinsamen Ziele der epistemologischen Unternehmungen von Bourdieu und Szondi sind bemerkenswert. Doch ist die Verschiedenheit ihrer Auffassungen deutlich zu erkennen. Szondi schloss sich in seinem Essay grundsätzlich der wissenschaftstheoretischen Unterscheidung Diltheys zwischen Erklären und Verstehen an, um seine eigene Auffassung zu entwickeln, wohingegen Bourdieu sich für deren Aufhebung aussprach. So erwähnte Bourdieu in dem Brief die von ihm in Frankreich bekannt gemachte Theorie von Erwin Panofsky, die aus der methodologischen Sackgasse der Dilthey’schen Auffassung herausführe. In seinem Nachwort zu Panofskys Gothic Architecture and Scholasticism (Latrobe, 1951) unterstrich er, dass die ›strukturalistische Hermeneutik‹ der Panofsky’schen Ikonologie auf dem Prinzip der strukturellen Affinitäten innerhalb einer Epoche beruhe und so jenseits der empirischen Intuition angesiedelt sei. Sie werde durch das kohärente System des circulus methodicus gewonnen und gewährleistet. Für Bourdieu erlaubt Panofsky dadurch eine Aufhebung des positivistischen Gegensatzes zwischen den objektiven Tatsachen und der Subjektivität der Interpretation, ohne jedoch in den Subjektivismus zu verfallen, und stellte insofern eine Überwindung des starren Dilthey’schen Begriffspaars dar.

 

Außerdem nannte Bourdieu Panofskys Aufsatz »Der Begriff des ›Kunstwollens‹« aus dem Buch Die Perspektive als »symbolische Form« (Leipzig / Berlin, 1920), ohne jedoch den Verweis in den Notizen ausführlicher zu erläutern. In diesem Aufsatz bemühte sich Panofsky um die Festlegung von Bedingungen für die Erkenntnis künstlerischer Phänomene. Der immanente Sinn des Kunstwerks (das sogenannte ›Kunstwollen‹) sei objektivierbar und demnach ein von der Intention des Künstlers sowie dem Kontext, der Epoche, zu trennender Gegenstand der Erkenntnis, insofern sei er jenseits der psychologistischen Auffassung der Kunsttheorie zu denken. Da, wo Bourdieu in Szondis methodologischen Überlegungen eine unfruchtbare Opposition, eigentlich eine konzeptuelle Schwäche, sah, ermutigte er ihn, am Beispiel Panofskys eine ›dynamische Perspektive‹, wie es im Aufsatz »Champ intellectuel et projet créateur« heißt, zu entwickeln.

 

Jenseits von Bemerkungen über den Zusammenhang von Kultur und Sprache lassen die ausführlichen Notizen zum Brief vom November 1967 schon ab der zweiten Seite Bourdieus Bedenken gegen Szondis methodologischen Ansatz erkennen, die bald in eine Kritik münden. Die inhaltlichen Bemerkungen versuchen nämlich, mit dem Vorschlag anderer Begriffe oder gar der Veränderung des methodologischen Ausgangspunkts, Szondis Position zu ergänzen bzw. zu schärfen. Mit dem Verweis auf die eigene Arbeit und Terminologie zielte Bourdieu, der hier als Verleger und Soziologe eine doppelte Rolle innehatte, auf eine Überarbeitung, ja fast eine Fortschreibung von Szondis Beitrag ab. In diesem Sinne ging es nun um mehr als nur eine Übersetzung.

 

Nach einem ersten Brief an Bourdieu vom 14. November 1967, in dem er sich zuerst für die aufmerksame Lektüre seines Textes herzlich bedankte und zugleich sein Verständnis für die erwünschten Veränderungen äußerte, nannte Szondi Zeitmangel als Argument gegen diese Änderungen. In einem weiteren Brief aus dem Sommer 1969 schlug er schließlich vor, die methodologische Einleitung einfach fallen zu lassen, weil sie sich im Kontext der französischen Literaturkritik als missverständlich erweisen könnte.

 

Eine andere Antwort methodologischer Natur gab Peter Szondi möglicherweise in einem weiteren hermeneutischen Aufsatz, nämlich in dem zuerst auf Französisch erschienenen Essay »L’Herméneutique de Schleiermacher« (Poétique 2, 1970). Der auf eine Vorlesung zurückgehende Text war auf Anregung Tzvetan Todorovs entstanden. Seine deutsche Fassung erschien erst 1976 in der Zeitschrift Sprache im technischen Zeitalter. Darin sind die Grundlagen der materialen Hermeneutik Szondis zu finden, wobei er sich bemerkenswerterweise nicht mehr auf Dilthey, der sich wiederum auf Schleiermacher bezogen hatte, stützte, sondern auf den letztgenannten selbst zurückgriff. Indem Szondi – wie in dem 1970 in Zürich gehaltenen Vortrag »Bemerkungen zur Forschungslage der literarischen Hermeneutik« (Studienausgabe der Vorlesungen, Frankfurt a.M., 1975) – auf der ›Verankerung der literarischen Hermeneutik in der Analyse der Sprache‹ beharrte, versuchte er, die ›sprachliche Bedingtheit von Literatur‹ als die Voraussetzung einer ihrem Objekt angemessenen Erkenntnis hervorzuheben. Denn ›die literarische Hermeneutik kann den Gegenstand des Verstehens nicht jenseits der Sprache ansetzen, sondern in der Sprache selbst‹. Dies lässt sich als Einwand gegen Bourdieus allzu allgemeine Auffassung lesen, insofern es Szondi hier selbst gelingt, den Dilthey’schen Dualismus dialektisch aufzulösen.

 

Der Essay »Über philologische Erkenntnis«, der 1962 sowohl von Adorno als auch von Starobinski zustimmend aufgenommen worden war, erschien auf Französisch erst zwanzig Jahre später in einer von Mayotte Bollack herausgegebenen Sammlung von Szondis Texten unter dem Titel Poésie et poétique de la modernité (Paris, 1982). Der Text, der einen Beitrag zu der heftigen Debatte in der französischen Literaturkritik der zweiten Hälfte der 1960er Jahre hätte leisten können, wurde dieser aufgrund seiner Schärfe vorenthalten. Trotz zunächst anderer Absichten, verzögerten Bourdieus Ansprüche und Vorbehalte Szondis Einführung in die Diskussion in Frankreich sowie seine potenzielle Wirkung. Von diesem verspäteten Transfer erzählt der Brief aus dem Deutschen Literaturarchiv Marbach.

 

Solange Lucas, Département d’Etudes Germaniques / Université de Nantes