Severo Sarduy am 1.8.1968 an Walter Boehlich; DLA Marbach, Foto: Chris Korner DLA

Sarduy an Boehlich über die Publikation »Bewegungen. Erzählungen« bei Suhrkamp

Brief vom 1.8.1968 an Walter Boehlich

Paris, 1. August 1968

Werter Boehlich,

DANKE für die Publikation meines Buches. Diese senfgelbe Farbe und den fremdartigen Klang des Titels fand ich ganz köstlich. Aber, – Sie haben es schon geahnt! –, ich schreibe diesen Brief nicht nur, um mich zu bedanken, sondern auch, um Sie um etwas zu bitten. Ja, ich möchten Sie bitten, dafür Sorge zu tragen, dass IRGENDETWAS geschieht, damit der kleine kanarienvogelgelbe Band nicht ins Leere fällt, dass ihn nicht das unamunianische Nada, Nichts, verschlingt. Wie Sie wissen, kenne ich keinen einzigen Kritiker in Deutschland, und ich fürchte sehr, dass sich, ohne einen entsprechenden Impuls, dieser schöne gelbe, altgoldene Kubus unter den Hunderten verliert, die Ihr ehrwürdiges Haus jährlich hervorbringt. Also treiben Sie an, wecken Sie Interesse, insistieren Sie, bitten Sie inständig, damit Sie erreichen, dass das zitronengelbe Buch überall besprochen wird. Wenn Sie das schaffen, verspreche ich Ihnen, wenn Sie nach Paris zurückkehren, eine gut brennende Barrikade.

Bis dahin, mit einem Gruß und aufrichtigem Dank von

Sarduy

 

Der kubanische Schriftsteller Severo Sarduy schreibt im August 1968 – offenbar vor dem direkten Hintergrund der »brennenden Barrikaden« der Studentenrevolten – aus Paris an Walter Boehlich, den Literaturkritiker und Lektor des Suhrkamp Verlags, kurz nachdem sein Buch Gestos unter dem Titel Erzählungen. Bewegungen in der Reihe edition suhrkamp erstmals auf Deutsch erschienen ist. 1963 auf Spanisch publiziert, ist die in Havanna spielende Erzählung als literarische Adaption der kubanischen Revolution zu verstehen. Dabei drückt bereits die Doppeldeutigkeit des Originaltitels Gestos die avantgardistische Idee einer Einheit von künstlerischer »Geste« und sozialer »Bewegung« aus. Diese Doppeldeutigkeit wird durch den deutschen Titel Bewegungen ebenfalls übermittelt, allerdings verschiebt sich damit der Fokus von der künstlerischen auf die soziale Seite. Der Appell Sarduys an Walter Boehlich, dass dieser etwas unternehmen möge, um sein Buch auf dem deutschen Markt publik zu machen und es vor dem von Miguel de Unamuno beschriebenen »Nichts« zu bewahren, verdeutlicht die Rolle der Literaturkritiker und die Präsenz des europäischen Existenzialismus. Der Brief erreicht Walter Boehlich in Frankfurt am Main nicht nur inmitten der dortigen Studentenrevolten, sondern auch inmitten der sogenannten »Suhrkamp-Revolte«, dem Aufstand mehrerer Suhrkamp-Lektoren – neben Walter Boehlich auch Urs Widmer und Peter Urban – gegen den autoritären Führungsstil des Verlegers Siegfried Unseld mit dem Ziel eine »Lektoratsverfassung« einzuführen, die alle wichtigen Verlagsentscheidungen demokratisieren sollte. Schließlich verließen Walter Boehlich und weitere Lektoren den Suhrkamp Verlag und gründeten 1969 den Verlag der Autoren, eine Art Verlagsgenossenschaft. Damit ist der Brief Ausdruck der Verbindungslinien zwischen verschiedenen revolutionären Ereignissen, aber auch der Verflechtung von Gesellschaft, Literatur und Literaturbetrieb.

 

Lydia Schmuck

DLA Marbach

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