Hans Magnus Enzensberger am 10.8.1968 an Siegfried Unseld; DLA Marbach, Foto: Jens Tremmel

Enzensberger empfiehlt dem Suhrkamp Verlag Gabriel García Márquez

Am 10. August 1968 schrieb Hans Magnus Enzensberger an Siegfried Unseld einen Dankesbrief für den Erhalt der Kursbuch-Ausgabe 11 mit dem Titel »Revolution in Lateinamerika«, die im Januar desselben Jahres erschienen war. Das Kursbuch war seit seiner Gründung im Jahr 1965 durch Enzensberger und Karl Markus Michel eine zentrale Publikation, die der Studentenbewegung der 1960er Jahre in der BRD nicht nur als Substanzquelle, sondern auch als politisches Forum diente. Im selben Brief schlägt Hans Magnus Enzensberger dem Suhrkamp Verlag einen Autor vor, der bis dahin sowohl in der BRD als auch in der DDR noch völlig unbekannt war, und der, wenn er sofort angenommen worden wäre, nicht nur das utopische Bild von Lateinamerika, das im Kontext der Studentenbewegung kursierte, aufgebrochen, sondern auch die Rezeption lateinamerikanischer Literatur um fast ein Jahrzehnt vorverlegt hätte. Trotz des Irrtums des Vermittlers, der die italienische Übersetzung von Cien años de soledad (1967) für die Übersetzung von La hojarasca (1955) hält, bezieht sich die Empfehlung – wie die im Brief folgende Beschreibung zeigt – auf den ersten (La hojarasca) und nicht den späteren (Cien años de soledad) Roman des Kolumbianers Gabriel García Márquez, Ikone des lateinamerikanischen Booms in den 1960er Jahren in Europa und Literatur-Nobelpreisträger des Jahres 1982. Enzensberger beschreibt das Werk von García Márquez als »episches [B]uch in einem fast klassischen [S]inn«, aber in »einer vollkommen modernen [F]orm und vergleicht den literarischen Stil mit dem anderer lateinamerikanischer Autoren, wie Jorge Luis Borges, Julio Cortázar, Mario Vargas Llosa, Carlos Fuentes und Alejo Carpentier, die damals bereits auch in deutschen Verlagen bekannt waren. Dieser Brief gilt heute als wichtiges Dokument für die Rezeption von García Márquez in der BRD. Ebenfalls 1968 hatte der Schriftsteller und Insel-Lektor Friedrich Michael Cien años de soledad dem Suhrkamp-Lektor Walter Boehlich vorgeschlagen, der zu erkennen gibt, dass ihm sowohl der Autor als auch sein Werk völlig unbekannt sind. Hans Magnus Enzensberger versuchte fünf Monate nach seinem ersten Brief Siegfried Unseld noch einmal von der Dringlichkeit zu überzeugen, die Rechte für García Márquez zu erwerben. Doch der Suhrkamp Verlag zögerte zu lang, sodass das erste Lateinamerika-Programm des Suhrkamp Verlags kein einziges Werk von García Márquez enthielt. Ab 1970 wurden die Werke von Gabriel García Márquez in Deutschland dann konsequent von Kiepenheuer & Witsch verlegt.

 

Douglas Pompeu, Lateinamerika Institut (LAI), Freie Universität Berlin

 

 

error: Diese Inhalte sind geschützt