Erstausgabe der Zeitschrift Telos, gegründet 1968 an der State University of New York, Buffalo; Foto: Privatarchiv Robert Zwarg
Die Selbstmythologisierung der Zeitschrift fügte dem Jahr 1968 auch den Monat Mai hinzu.

Erstausgabe der Zeitschrift Telos

Telos. A journal definitely outside the mainstream of American philosophical thought

 

1968 fand sich an der State University of New York in Buffalo eine Gruppe von Doktorandinnen und Doktoranden zusammen, in der – so das Programm der ersten Ausgabe – »Alternativen zu den vielen Kräften, die die Fragmentierung des Wissens und der menschlichen Existenz« zu Wort kommen sollten. Als Herausgeber setzte sich nach nur drei Ausgaben der 1940 im italienischen L’Aquila geborene Paul Piccone durch. Charismatisch, exzentrisch, allerdings auch umstritten aufgrund freimütiger Eingriffe in die Artikel und eines zuweilen rüden Tons, war er das Energiezentrum der Zeitschrift, die er bis zu seinem Tod im Jahr 2004 herausgab. Kaum ein anderes Medium hat die Verbreitung der Kritischen Theorie und des Westlichen Marxismus derart vorangetrieben wie Telos. Intensiv widmeten sich Autorinnen und Autoren wie Martin Jay, Susan Buck-Morss, Andrew Arato, Jean Cohen, Russell Jacoby, Seyla Benhabib u.v.m. der Übersetzung, Kommentierung, Deutung und Weiterentwicklung zentraler Texte einer bis dahin „unbekannten Tradition“ (Dick Howard). Verstanden als eine Art »Bewegung im Kleinen« sollte im Medium der Zeitschrift vermittels der Theorie europäischer Prägung auf das Scheitern der Praxis reflektiert werden; nach der Spaltung der Students for a Democratic Society 1969 bei der Jahrestagung in Chicago war die Studentenbewegung in eine Reihe rivalisierender, teils militanter Gruppen zerfallen. Dabei verortete sich die Zeitschrift, einem ihrer gut 16 Mal gewechselten Untertitel gemäß, selbstbewusst jenseits des akademischen Mainstreams. Führte die Suche nach Antworten lange Zeit zu Autoren wie Georg Lukács, Herbert Marcuse oder Theodor W. Adorno, begann sich die Zeitschrift Mitte der 1980er Jahre intensiv dem Werk des Staatsrechtlers Carl Schmitt zu widmen. Die »konservative Wende« von Telos führte zu einem Bruch innerhalb der Redaktion und hat das Bild der Zeitschrift nachhaltig geprägt.

 

Robert Zwarg

DLA Marbach

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